Anschläge in Paris

Wie man im täglichen Leben anonym bleibt. Diskussion und Erfahrungsaustausch.
b3uzi
Posts: 7
Joined: Mon Nov 16, 2015 8:07

Anschläge in Paris

Post by b3uzi » Mon Nov 16, 2015 8:29

Wir sind betroffen über die Anschläge in Paris (zumindest ist das Tenor in den Mainstream Medien). Heute um 12:00 wird es eine Schweigeminuten für die Toten geben und unsere Repräsentanten wie Gauck überschlagen sich in Betroffenheitsattitüden.

Ich werde mich nicht an der Schweigeminute beteiligen. Vielleicht bin ich abgestumpft, weil ich zu viele Berichte über Alleppo, Horms, Damaskus (Syrien), Falludscha (Irak), Tripolis (Libyen)... gelesen habe?

Der Body-Count in Syrien liegt bei 260.000. Das interessiert uns nur "am Rande". Aber 130 Tote in Paris machen uns soooo sehr betroffen. Es zeigt unseren grenzenlosen Chauvinismus, den (angekratzten?) Glauben an unsere Überlegenheit, wenn wir über die 130 Toten durch einen Terroranschlag in einer europäischen Hauptstadt so viel mehr betroffen sind als von 1/4 Million verreckten Arabern.

Vielleicht ist es aber nicht Chauvinismus - möglich. Dann ist es vielleicht einfach nur ANGST, die uns plötzlich so betroffen macht? Was in Paris passiert kann auch in Berlin oder Hamburg passieren?

Paris hat schon öfters Anschläge erlebt, zuletzt vor einem Jahr (C. Hebbo). Die meisten dieser Anschläge hatten einen algerischen Hintergrund. Dafür gibt es einerseits historische Ursachen und andererseits auch ganz aktuelle Gründe, die sich z.B. vor einigen Jahren zeigten, als während der Vorstadt-Riots in Paris tagelang die Staßen brannten. Es gibt teilweise Apartheid-ähnliche Zustände in Frankreich für Jugendliche mit nordafrikanischen Wurzeln.... Das ist ein guter Boden für die Rekrutierung von Attentätern.

Ich teile nicht den Chauvinismus, der 130 tote Pariser so viel bedeutungsvoller macht, als 260.000 Syrer (tote Iraker, Libyer, Ukrainer und Afghanen mal nicht mitgezählt) und ich teile nicht die ANGST, denn die Verbreitung von ANGST ist das Ziel von Terror und Terror hat Ursachen. Also habe ich wohl keinen Grund, heute um 12:00 eine Schweigeminute einzulegen.

b3uzi
Posts: 7
Joined: Mon Nov 16, 2015 8:07

Re: Anschläge in Paris

Post by b3uzi » Mon Nov 16, 2015 10:36

Zu den Attentätern in Paris:

Der erste identifizierte Attentäter war Franzose. Er kam aus Courcouronnes im Department Essonne südlich von Paris. Inzwischen wurden zwei weitere Attentäter identifiziert, die ebenfalls Franzosen waren. Weitere Verdächtige, die namentlich gesucht werden, stammen aus Brüssel (alles keine Flüchtlinge!).

In der Nähe des Ortes, an dem sich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hat, wurde ein syrischer Pass von einem Flüchtling gefunden, der in diesem Jahr bei der Einreise über die Mittelmeerroute in Griechenland registriert wurde. Die französische Polizei hat offiziell nie behauptet, dass dieser Pass nachweislich dem Attentäter gehörte. Die Medien stellen es aber als Tatsache hin.


Die Ermittlungen haben gerade erst begonnen, aber es ist sofort klar, dass der IS dahinter stecken muss und dass die Anschläge in Syrien geplant wurde und die Flüchtlinge irgendwas damit zu tun, dass wir ab sofort mehr Überwachung brauchen, weil Deutschland auch gefährdet sein soll.... Es ist ein günstiger Zeitpunkt, um zu verkünden, dass der Verfassungschutz und der BND zusammen fas 500 neue Stellen bekommen. In GB sollen MI5, MI6 und GCHQ 1.900 neue Stellen bekommen.... Widerstand dagegen ist im Moment gerade nicht zu erwarten.

riohioph
Posts: 6
Joined: Mon Nov 16, 2015 13:43

Re: Anschläge in Paris

Post by riohioph » Mon Nov 16, 2015 13:54

Ich werde mich nicht an der Schweigeminute beteiligen.
Das ist dein gutes Recht.
Es zeigt unseren grenzenlosen Chauvinismus, den (angekratzten?) Glauben an unsere Überlegenheit, wenn wir über die 130 Toten durch einen Terroranschlag in einer europäischen Hauptstadt so viel mehr betroffen sind als von 1/4 Million verreckten Arabern.
Geh mal Sonntags in die Kirche und da wirst du erleben, dass JEDES Mal an die Toten/Verfolgten etc. gedacht wird. Es wird täglich über den Krieg berichtet. Bei dieser Art der Betroffenheit mag sicher eine Sättigung eingetreten sein, aber es ist nicht so, dass man hier nicht ständig auch daran erinnert wird.
Der Effekt, der hier eintritt, ist völlig normal und meiner Meinung nach nicht verwerflich, da er hier die Europäer "persönlich" betroffen macht. Wenn morgen deine Mutter stirbt (ob durch Fremdeinwirkung oder sonstwas), möchte ich mal sehen, ob der kleine "Body-Count" von 1, dir nicht auch mal eine Schweigeminute abverlangt.
Ich teile nicht den Chauvinismus, der 130 tote Pariser so viel bedeutungsvoller macht, als 260.000 Syrer (tote Iraker, Libyer, Ukrainer und Afghanen mal nicht mitgezählt)
Aber offensichtlich auch die Ignoranz, dass nur weil es "nur" 130 waren, hier wohl auch keine angemessene Reaktion erfolgen darf? Das ist so ähnlich, wie die Frage nach dem schlimmeren Diktator damit zu beantworten, wer mehr Menschenleben auf dem Gewissen hat.
Die französische Polizei hat offiziell nie behauptet, dass dieser Pass nachweislich dem Attentäter gehörte. Die Medien stellen es aber als Tatsache hin.
Das ist einfach falsch. Selbst gestern in der ARD wurde dies klar und fachlich dargestellt, dass völlig unklar ist, um wen es sich handelt.

Außerdem frage ich mich ernsthaft, was dieser Postbeitrag eigentlich bezwecken soll. Willst du eine ernsthafte Diskussion ansteuern oder nur zeigen, was für eine tolle "nicht-Mainstream"-Meinung du hast?

andy99
Posts: 49
Joined: Wed Aug 20, 2014 23:14

Re: Anschläge in Paris

Post by andy99 » Mon Nov 16, 2015 16:16

Schafe das die Terroristen nicht mal auf die Idee kommen bei einem Nazi-Aufmarsch zuzuschlagen.

Vielleicht sollten die Geheimdienste das mal Zurechtbiegen, damit sich das Gesindel gegenseitig auslöscht.

Hehehehe...

Aber ist schon klar.

VDS oder wie auch immer die das dort nennen ist zu kurzfristig und es müssen zusätzlich auch Inhaltsdaten gespeichert werden.

Und dann bräuchte es ja auch noch Rückschlüssel bei der Verschlüsselung, damit man auch in Echtzeit mitlesen kann.

Also das Geballer wird wohl noch einige Zeit anhalten.

Hoffen wir mal das die deutschen schön weiter braf arschl... bevor die bei uns auch solche Irren mit Kriegsaffen ausstatten müssen.

b3uzi
Posts: 7
Joined: Mon Nov 16, 2015 8:07

Re: Anschläge in Paris

Post by b3uzi » Mon Nov 16, 2015 16:43

Wenn morgen deine Mutter stirbt....
Wenn meine Mutter stirbt, dann habe ich einen Grund zur Trauer. Wenn ein Verwandter meines Freundes stirbt, dann werde ich dem Freund beistehen und mit ihm trauern.

Warum sollte ich um Unbekannte in Paris mehr trauern, als um die 43 Toten, die in Bagdad am selben Tag durch einen Terroranschlag ums Leben kamen? Weil es Europäer waren, die mehr wert sind, als ein paar Araber? Ist nicht meine Meinung. Aber Du kannst Deine Chauvinismus ruhig weiter pflegen, ich will Dir dabei nicht im Weg stehen.
Willst du eine ernsthafte Diskussion ansteuern oder nur zeigen, was für eine tolle "nicht-Mainstream"-Meinung du hast?
Man könnte ernsthaft darüber dikutieren, ob Trauer gerechtfertigt ist, ob diese Europa-zentrierte Grundhaltung eigentlich die Basis für Pegida-Ansichten ist oder nicht.

Aber auch zum zweiten Punkt würde ich "Ja" sagen, nur das Atribut "toll" würde ich dabei in Frage stellen.

riohioph
Posts: 6
Joined: Mon Nov 16, 2015 13:43

Re: Anschläge in Paris

Post by riohioph » Mon Nov 16, 2015 17:43

Weil es Europäer waren, die mehr wert sind, als ein paar Araber?
Nein, vielleicht weil es angebracht ist?
Die strittige Frage ist doch, warum wir nicht trauern, wenn es irgendwo in Bagdad passiert? Ich stimme zu, dass es moralisch ein Dilemma ist, aber die Realität ist doch, dass man als Europäer direkter betroffen ist, weil es in der Nähe passiert ist. Dazu muss man nicht so tun, als ob Europäer bessere Menschen sind. Wäre bei dem Anschlag viele Araber, Marokkaner etc. ums Leben gekommen, wäre das genauso gewesen.
Man könnte ernsthaft darüber dikutieren, ob Trauer gerechtfertigt ist
Wenn Menschen Opfer eines Anschlags geworden sind, dann ist Trauer immer gerechtfertigt. Ich würde auch niemandem Trauer verbieten, wenn in Bagdad Menschen sterben.
ob diese Europa-zentrierte Grundhaltung eigentlich die Basis für Pegida-Ansichten ist oder nicht.
Das erschließt sich mir nicht.

xg27
Posts: 1111
Joined: Mon Jun 24, 2013 13:39

Re: Anschläge in Paris

Post by xg27 » Mon Nov 16, 2015 18:18

@b3uzi:
Sich von unserer kollektiven Egozentrik zu loesen, das ist ein grosser Schritt nach vorne. Aber die natuerliche dann folgende Selbst-Verachtung ist auch nur ein Stadium der persoenlichen Entwicklung.

Aber, man kann natuerlich nicht den dritten Schritt vor dem Zweiten machen....

b3uzi
Posts: 7
Joined: Mon Nov 16, 2015 8:07

Re: Anschläge in Paris

Post by b3uzi » Thu Nov 19, 2015 8:32

Interessanter Artikel bei Telepolis zu Hintergründen französischer Kolonialpolitik: http://www.heise.de/tp/artikel/46/46592/1.html

Man kann mal drüber nachdenken, mit wem man sich da solidarisiert. Das ganze Bombenwerfen irgendwo in Nahost ist total sinnlos als "Terrorbekämpfung", wenn man selbst als Staat eigene Terrororganisationen nutzt, um andere Regierungen zu stürzen. (Hat Frankreich mind. 16x in Afrika gemacht, aus wirtschaftlichen Gründen.)

Es gibt Gründe für die Anschläge in Paris, einen Nährboden für die Rekrutierung von Attentätern. Aber darüber möchte man nicht reden. Statt dessen ruft man den "Krieg gegen den Islamismus" aus (Hollande, der neue Ober-Kreuzritter?) und alle machen mit.

nichtbekannt
Posts: 670
Joined: Fri Nov 05, 2010 17:55

Re: Anschläge in Paris

Post by nichtbekannt » Thu Nov 19, 2015 9:07

b3uzi wrote:Interessanter Artikel bei Telepolis zu Hintergründen französischer Kolonialpolitik: http://www.heise.de/tp/artikel/46/46592/1.html

Man kann mal drüber nachdenken, mit wem man sich da solidarisiert. Das ganze Bombenwerfen irgendwo in Nahost ist total sinnlos als "Terrorbekämpfung", wenn man selbst als Staat eigene Terrororganisationen nutzt, um andere Regierungen zu stürzen. (Hat Frankreich mind. 16x in Afrika gemacht, aus wirtschaftlichen Gründen.)

Es gibt Gründe für die Anschläge in Paris, einen Nährboden für die Rekrutierung von Attentätern. Aber darüber möchte man nicht reden. Statt dessen ruft man den "Krieg gegen den Islamismus" aus (Hollande, der neue Ober-Kreuzritter?) und alle machen mit.
"Volltreffer", und es geht um das reißen der Schuldenobergrenze des Euro-Stabilitätspakts mit verheerender Wirkung auf die Glaubwürdigkeit Europas in der Welt.
http://www.faz.net/agenturmeldungen/adh ... 16880.html

riohioph
Posts: 6
Joined: Mon Nov 16, 2015 13:43

Re: Anschläge in Paris

Post by riohioph » Thu Nov 19, 2015 15:11

Zitate aus dem Telepolis-Artikel
Kurz vor den Anschlägen hatte Hollande die US-Bombardements in Syrien mit der eigenen Luftwaffe unterstützt und damit den gefährlichsten Brandherd im Nahen Osten bewusst angefacht.
Wird hier behauptet, der IS wäre harmloser ohne die Luftangriffe?
Seit der Finanzkrise von 2008 hat sich in den Wohnghettos angesichts des Ausbleibens sozialer Verbesserungen unter dem sozialistischen Präsidenten ein Klima der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung breit gemacht.
Hollande ist erst seit 2012 Präsident von Frankreich.
Anders als die Stärke anderer führender Industrieländer gründet sich die Frankreichs nämlich nicht auf die eigene Wirtschaftskraft, sondern in erster Linie auf die anhaltende Ausplünderung und Unterdrückung der ehemaligen französischen Kolonien.
Diese Aussage kann der Autor leider nicht ausreichend belegen. Es gibt keinerlei Angaben über Größe und Anteil des "afrikanischen Anteils" am französischen Einkommen. Ohne konkrete Zahlen helfen da auch die Aufzählungen im weiteren Abschnitt des Artikels nichts.


Jenseits aller berechtigten Kritik an der französischen Außenpolitik, insbesondere das Umgehen mit den ehemaligen Kolonien, vermischt der Autor Kriegsbegehren in Syrien, Sozialpolitik und Afrikapolitik. Warum unmoralische Afrikapolitik eine Brandstiftung in Syrien sein soll, ist mir hier völlig unklar. Schon gar nicht klar ist, was das mit einer vielleicht verfehlten Sozialpolitik zu tun hat. Spannungen, soziale Ghettos gab es auch schon ohne ihn. Man könnte ihm höchstens vorwerfen, zuwenig dagegen getan zu haben.
Aber das ist nicht der erste Entgleisung des Autoren Ernst Wolff, der sich bereits beim Telepolis-Artikel zum Germanwings-Absturz mit seinen Vorwürfen/Spekulationen und Verschwörungstheorien im Nachhinein eigentlich ganz schön hätte blamieren müssen.

Post Reply