Was weiß die Krankenkasse?

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wxyz
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Re: Was weiß die Krankenkasse?

Post by wxyz » Fri Jul 17, 2015 10:55

rufus wrote:Grund ist, dass sich in Internetkreisen die Spekulation hält, dass Versicherungen Daten über nicht-versicherbare Bewerber austauschen. Vermutlich ein urbaner Mythos, ich sehe den Nutzen nicht. Im Interesse einer Versicherung liegt es doch, erstmal jeden zu versichern um an das Geld zu kommen.
Das ist mMn etwas zu kurz gedacht. Unternehmen wollen Geld verdienen. Du musst das ganze Geschäft betrachten. Zu den Versicherungbeiträge auf der einen Seite, kommen die Versicherungsleistungen auf der anderen. Wenn ein Versicherungsnehmer mehr Leistungen bekommt, als er Beiträge leistet, dann ist das ein Verlustgeschäft. Und jetzt überlege nochmal, welchen Nutzen Unternehmen aus Risikobewertungen von potentiellen Vertragspartnern ziehen können.
Last edited by wxyz on Fri Jul 17, 2015 11:57, edited 1 time in total.

wxyz
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Re: Was weiß die Krankenkasse?

Post by wxyz » Fri Jul 17, 2015 10:59

rufus wrote:Ich als Laie stelle es mir ja so vor: Die SB gibt meine Nummer ein, und hat dann den Datensatz mit der ganzen Historie vor sich. Während des Gesprächs hat es aber eher so gewirkt, als ob sie auch selbst erst tröpfchenweise an die Infos gelangt. Kann sich da jemand einen Reim drauf machen?
Ja natürlich. Datenschutz gilt erst einmal prinzipiell auch innerhalb eines Unternehmens. Da sollen nicht alle Mitarbeiter auf alle Daten zugreifen können. Dass Unternehmen nicht gerne offenlegen, welche Daten sie alle von ihren Kunden gespeichert haben (s.a. Google, Facebook), ist noch ein weiterer Punkt.

Edit: Wobei du natürlich bei Google und Facebook noch nicht einmal der Kunde bist...

wxyz
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Re: Was weiß die Krankenkasse?

Post by wxyz » Fri Jul 17, 2015 12:22

Nachtrag:
xg27 wrote:Richtig.
Wenn meine 'Freunde' sagen, dass sie nichts zu verbergen haben dann schliesst das auch ein, was sie ueber mich wissen.

Das sind aber dann keine Freunde sondern Spitzel.
Ich meine das noch weitergehender. Dein Kind will einen Vertrag abschließen. Bei dessen Risikobewertung werden jetzt auch die Risikoprofile bspw. der Eltern berücksichtigt.
rufus wrote:Wenn der Versicherte falsche Angaben macht, liegt das im Interesse der Versicherung. Weshalb? Naja, erst streicht die Versicherung die Prämien ein, und im Schadensfall fragt sie bei Ärzten und Krankenhassen nach, weist die falschen Angaben nach und zahlt nicht. Es liegt also im Interesse der Vesicherung, die Antragsteller zu subtil zu Falschangaben anzuregen.
Das geht noch subtiler. Bei der Antragsstellung verlangt die Versicherung, wie bei dir („Ich will eine Versicherung abschließen, und muss auch Angaben zu meinem Gesundheitsstand und etwaigen Vorerkrankungen machen.“), alle Informationen zu „gefahrerheblichen Umständen“ mitzuteilen. D.h. es genügen schon, aus Sicht der Versicherung, unvollständige Angaben zu machen. Aber wer kann schon beurteilen, was alle „gefahrerheblichen Umstände“ sind, und kann sich an diese auch noch bezogen auf sein ganzes Leben erinnern? Da ist bereits bei Vertragsschluss der Verlust des Versicherungsschutzes angelegt.


Tipp: Kannst du bei deiner Krankenkasse auch eine BU abschließen? Dann versuche doch dich mit dieser darauf zu einigen, dass nicht du alle Informationen mitteilen musst, sondern dass die alles berücksichtigen sollen, was ihnen sowieso bekannt ist. Das dürfte dann so ziemlich alles sein.

xg27
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Re: Was weiß die Krankenkasse?

Post by xg27 » Fri Jul 17, 2015 13:50

wxyz wrote: Ich meine das noch weitergehender. Dein Kind will einen Vertrag abschließen. Bei dessen Risikobewertung werden jetzt auch die Risikoprofile bspw. der Eltern berücksichtigt.
Da stimmt aber irgend etwas nicht. Entweder ist das Kind nicht geschaeftsfaehig, dann schliessen ohnehin die Eltern den Vertrag ab oder sind zumindest Buergen dabei oder so. Oder das Kind ist geschaeftsfaehig, dann sind die Profile der Eltern unrelevant.

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Re: Was weiß die Krankenkasse?

Post by wxyz » Sun Jul 19, 2015 11:21

xg27 wrote:
wxyz wrote: Ich meine das noch weitergehender. Dein Kind will einen Vertrag abschließen. Bei dessen Risikobewertung werden jetzt auch die Risikoprofile bspw. der Eltern berücksichtigt.
Da stimmt aber irgend etwas nicht. Entweder ist das Kind nicht geschaeftsfaehig, dann schliessen ohnehin die Eltern den Vertrag ab oder sind zumindest Buergen dabei oder so. Oder das Kind ist geschaeftsfaehig, dann sind die Profile der Eltern unrelevant.
Dein Status als „Kind deiner Eltern“ (hier i.S.v. Abkömmling) hat nichts mit Alter und Geschäftsfähigkeit zu tun. Du bleibst das Kind deiner Eltern, auch wenn du 65 bist und die 90 sind. :-)

Mir ging es nicht um die juristischen Bewertung eines Vertragsschlusses im Minderjährigenrecht, sondern das war als Beispiel für das Erstellen von Risikoprofilen gedacht. Bei einer solchen Einschätzung wird (und in Zukunft noch viel mehr) auch dein Umfeld analysiert. Wenn ein 25-jähriger eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen möchte, dann könnten sich Versicherungen auch für die Krankenhistorie der Eltern interessieren (genetische Disposition für Krankheiten im Allgemeinen, Suchtverhalten, psychische Auffälligkeiten...). Oder bei der Risikoeinschätzung, ob du eine Gefahr darstellen könntest, schaut man sich an, mit wem du so deine Zeit verbringst. Die gesammelten und analysierten Daten zu einer Person haben also nicht nur Auswirkungen auf diese, sondern auch auf das Leben des Umfelds („...betrifft das noch nicht einmal nur einen selber.“). Im Ergebnis heißt das, dass man auch aus diesem Grund selber immer weniger Einfluss auf solche Entscheidungsfindungen haben wird.

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Re: Was weiß die Krankenkasse?

Post by xg27 » Sun Jul 19, 2015 21:37

Ok, es geht also nicht so sehr um die Kreditwuerdigkeit. Danke fuer die Klarstellung.


Das koennte man kontern mit dem Verweis darauf, dass ich die Versicherung bezahle damit sie Risiken traegt, und nicht dafuer dass sie Risiken fuer sich eliminiert. Oder lief das Geschaeft der Versicherungen gar so schlecht die letzten 50 Jahre ohne diesen Humbug?

Oder man koennte das 1:1 von der Versicherung einfordern. Alle Aktionaere und Angestellten vom Geschaeftsfuehrer bis zur Putzfrau sollen vor mir strippen; denn sie sind ja alle fuer meinen Vertragsabschluss 'relevant'.

Eine andere Moeglichkeit waere eine effektive legislative Deckelung des Datenwahns.


Nichts von all dem wird wohl von vielen Leuten gemacht werden; und ich ziehe es vor, so weit wie moeglich weg zu bleiben von solchen Knebelvertraegen. Da aber das beste Geschaeft das Geschaeft mit der Angst ist (und mit der Dummheit), werden wohl die Meisten mitspielen dabei. Das heisst: die Mauern unseres selbst gebauten Gefaengnisses werden noch dicker; die Bedingungen der Massentierhaltung noch schaerfer.

So gesehen wundert es nicht, dass immer wieder einer durchdreht und Amok laeuft.

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Ochnö
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Re: Was weiß die Krankenkasse?

Post by Ochnö » Sun Jul 19, 2015 23:23

xg27 wrote:Ok, es geht also nicht so sehr um die Kreditwuerdigkeit. Danke fuer die Klarstellung.


Das koennte man kontern mit dem Verweis darauf, dass ich die Versicherung bezahle damit sie Risiken traegt, und nicht dafuer dass sie Risiken fuer sich eliminiert. Oder lief das Geschaeft der Versicherungen gar so schlecht die letzten 50 Jahre ohne diesen Humbug?
Das lief schon immer so.
Versicherungen kalkulieren IHR Zahlungsrisiko und bemessen danach die Praemien und zwar so das reichlich Ueberschuss dabei erzielt wird.
Versicherungen sind auf Gewinn aus und keine Sozialhilfeeinrichtungen.
Oder man koennte das 1:1 von der Versicherung einfordern. Alle Aktionaere und Angestellten vom Geschaeftsfuehrer bis zur Putzfrau sollen vor mir strippen; denn sie sind ja alle fuer meinen Vertragsabschluss 'relevant'.
????
Kindergarten?
Eine andere Moeglichkeit waere eine effektive legislative Deckelung des Datenwahns.
Wo bleiben dann die abgehalfterten Staatssekretaere und Minister? ;)

xg27
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Re: Was weiß die Krankenkasse?

Post by xg27 » Mon Jul 20, 2015 15:56

Ochnö wrote:Das lief schon immer so.
Versicherungen kalkulieren IHR Zahlungsrisiko und bemessen danach die Praemien und zwar so das reichlich Ueberschuss dabei erzielt wird.
Versicherungen sind auf Gewinn aus und keine Sozialhilfeeinrichtungen.
Richtig. Und das Problem der Einmischung (mal allgemein formuliert) in das private oder persoenliche Leben der Leute, mit dem Argument dass dies oder jenes eben auch Auswirkungen auf Andere hat, ist nicht neu; zB ist das ein notorisches Problem des Sozialstaates und auch der Unfallproblematik.

Aber, sollen Versicherungen alles machen duerfen was technisch machbar ist, nur weil sie Gewinn machen wollen? Auch Raubmoerder tun eigentlich nur das. Gewinn mit allen Mitteln.
Oder man koennte das 1:1 von der Versicherung einfordern. Alle Aktionaere und Angestellten vom Geschaeftsfuehrer bis zur Putzfrau sollen vor mir strippen; denn sie sind ja alle fuer meinen Vertragsabschluss 'relevant'.
????
Kindergarten?
Wenn Firmen (die nur am Papier existieren) etwas machen dann soll das ok sein, aber wenn ein Mensch aus Fleisch und Blut das Gleiche machen will dann sei es ein Kindergarten?

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Re: Was weiß die Krankenkasse?

Post by rufus » Mon Jul 20, 2015 20:44

wxyz wrote: Bei einer solchen Einschätzung wird (und in Zukunft noch viel mehr) auch dein Umfeld analysiert. Wenn ein 25-jähriger eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen möchte, dann könnten sich Versicherungen auch für die Krankenhistorie der Eltern interessieren (genetische Disposition für Krankheiten im Allgemeinen, Suchtverhalten, psychische Auffälligkeiten...). Oder bei der Risikoeinschätzung, ob du eine Gefahr darstellen könntest, schaut man sich an, mit wem du so deine Zeit verbringst. Die gesammelten und analysierten Daten zu einer Person haben also nicht nur Auswirkungen auf diese, sondern auch auf das Leben des Umfelds („...betrifft das noch nicht einmal nur einen selber.“). Im Ergebnis heißt das, dass man auch aus diesem Grund selber immer weniger Einfluss auf solche Entscheidungsfindungen haben wird.
Ich will mal einen Gedanken einwerfen: Die Versicherung hat, abgesehen von der technischen Umsetzbarkeit, kein Interesse daran, zu 100 Prozent genau vorhersagen zu können, wer BU wird, und wer nicht.

BEGRÜNDUNG:

Wenn die Versicherung mit sehr hoher Genauigkeit vorhersagen kann wer Bu wird, dann können das auch die Versicherungsnehmer. Die Prädiktoren sind ja die gleichen. Und ein Versicherungsnehmer der zu 100 Prozent weiß, er wird Bu will auf jeden Fall eine Versicherung abschließen. Und ein Versicherungsnehmer der weiß, er wird zu 100 Prozent nicht Bu, will auf keinen Fall eine abschließen.

Wenn aber Versicherungen und Versicherungsnehmer das zu 100 Prozent vorhersagen könnten, wäre das Geschäftsmodell obsolet, da die Interessen von Versicherung und Versicherungsnehmer genau invers sind.

Demnach müsste eigentlich die Versicherung ein Interesse an einer Mischkalkulation haben. Spieltheoretisch gesehen ist es völlig ausreichend, wenn der Erwartungswert aller Versicherten IM DURCHSCHNITT Bu zu werden knapp unter einem Prozentwert x liegt, zu dem die Versicherung gerade noch kostendeckend arbeiten kann. Angenommen er liegt bei x-y Prozent, dann kann die Versicherung von der Arbitrage in Höhe von y Prozent leben.

rufus
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Re: Was weiß die Krankenkasse?

Post by rufus » Mon Jul 20, 2015 20:52

Letzten Endes sucht die Versicherung einen Cut-off-Wert mit hoher Spezifität [1] und hoher Sensitivität [2]. Das ist aber ein trade-off / Zielkonflikt. Also sucht sie das Wertepaar aus Sensitivität und Spezifität, das möglichst nahe am Cournot'schen Punkt liegt.

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Beurteilu ... sitiv-Rate
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Beurteilu ... gativ-Rate
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Cournotscher_Punkt

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